Über ein Bilderbuch, dem ich fast zustimme und über drei Schritte, die ich stattdessen mit Kindern gehe.
In meinem Regal steht ein Bilderbuch von Kobi Yamada, das „Was macht man mit einem Problem?“ heisst. Es erzählt von einem Kind, dem ein Problem begegnet. Das Kind schaut weg. Und das Problem wird grösser. Es folgt ihm, es wartet vor der Tür, es wird zu einer dunklen Wolke, die über allem hängt.
Bis das Kind sich umdreht und hineingeht.
Diesen Teil finde ich grossartig, und er stimmt. Probleme wachsen im Dunkeln. Was wir nicht anschauen, wird nicht kleiner, nur diffuser. Kinder spüren das früh und lernen trotzdem schnell, wegzuschauen, weil Hinschauen unangenehm ist.
Am Ende des Buches stellt sich heraus, dass im Problem etwas Schönes steckt. Eine Chance. Etwas, das nur deshalb entstehen konnte, weil das Problem da war.
Und genau da werde ich ein bisschen unruhig.
Manche Probleme sind einfach mies
Ein Kind, das in der Klasse niemanden findet. Eltern, die sich trennen. Eine Diagnose, die alles durcheinanderbringt. Ein Schuljahr, das von September bis Juni Kraft kostet.
Da steckt keine Chance drin. Da steckt erstmal nur das Problem drin.
Wenn wir Kindern zu schnell erzählen, dass alles Schwere zu etwas gut ist, machen wir etwas Ähnliches wie beim „Weine nicht“. Wir wollen trösten und sagen in Wahrheit: Hör auf, das so zu empfinden. Fühl schon mal das Ende, bevor du den Anfang durch hast.
Das ist gut gemeint. Aber es lässt ein Kind allein mit dem, was es gerade wirklich fühlt.
Erst benennen, dann bewegen, dann gehen
Was ich stattdessen versuche, sind drei Schritte. Nicht als Methode, eher als Reihenfolge, die ich mir selbst immer wieder in Erinnerung rufe.
Erst benennen. Ohne Filter, ohne Verpackung. „Das ist gerade richtig blöd.“ Ein Kind, das hört, dass ein Erwachsener die Lage genauso einschätzt wie es selbst, ist sofort weniger allein. Wer sich verstanden fühlt, muss nicht mehr beweisen, wie schlimm es ist.
Dann bewegen. Wer im Kopf feststeckt, löst nichts. Rausgehen, aufstampfen, zehn zügige Schritte, tief ausatmen. Das klingt nach Ausweichen und ist das Gegenteil. Ein Nervensystem im Alarm kann nicht denken. Erst beruhigt sich der Körper, dann wird der Kopf wieder brauchbar.
Dann den kleinsten Schritt suchen. Nicht die Lösung. Den kleinsten Schritt.
Steve de Shazer, einer der Begründer der lösungsorientierten Beratung, hat dafür eine Frage, die ich oft benutze: Angenommen, über Nacht wäre das Problem verschwunden — woran würdest du es morgen früh als Erstes merken?
Kinder antworten darauf erstaunlich konkret. Nicht „dann wäre alles gut“, sondern: „Dann hätte ich im Bus jemanden zum Sitzen.“ Und daraus wird ein Schritt, der machbar ist. Nicht: neue Freunde finden. Morgen früh einen Menschen fragen.
Warum das die Reihenfolge ist
Wir Erwachsenen neigen dazu, direkt zum dritten Schritt zu springen. Ein Kind erzählt von etwas Schwerem, und wir haben nach zwanzig Sekunden einen Vorschlag.
Das Kind hat dann aber nichts gelöst. Es hat gelernt, dass man über solche Dinge besser nicht spricht, weil danach sofort Arbeit kommt. Oder es lernt: Ah, da ist schon jemand, der das für mich löst. Beides ist irgendwie solala.
Die Reihenfolge ist die eigentliche Botschaft. Erst bist du mit dem Gefühl nicht allein. Dann wird der Körper ruhiger. Und erst dann schauen wir, was geht. Und dann wirst du handlungsfähig.
Das Buch hat übrigens in einem Punkt vollkommen recht, und der ist der wichtigste: Das Problem wird kleiner, sobald man sich ihm zuwendet. Nicht weil es sich auflöst. Weil man aufhört, gleichzeitig das Problem und das Wegschauen zu tragen.
Ein Impuls für diese Woche
Wenn dein Kind das nächste Mal mit etwas Schwerem kommt, sag zuerst nur, dass es blöd ist. Du kannst auch fragen: „Wie fühlt sich das gerade für dich an?“ „Fühlt sich das gerade schwer an?“ „Ich sehe, dass es sich gerade schwer anfühlt. Stimmt das?“
Finde hier deine Sprache. Die, die mit deinem Kind funktioniert.
Und dann sag eine Weile nichts. Es ist unangenehm, länger zu schweigen, als sich richtig anfühlt. Aber in diesen Sekunden passiert oft mehr als in jedem Ratschlag.
Kobi Yamada: „Was macht man mit einem Problem?“, Illustrationen von Mae Besom, Adrian Verlag.
Der Begleiter
Dieser Text ist zuerst in meinem Newsletter „Der Begleiter“ erschienen.
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