Fünf Bücher in einem Buch

Ein Vierjähriger hört dieselbe Geschichte anders als eine Siebenjährige. Mit vier ist der Drache das Grösste, mit sieben der Trick der Prinzessin. Fünf Lesarten zu einem Buch, das seit 1980 auffällt.

Die Prinzessin in der Tüte

Warum sich Vorlesen über Jahre lohnt.

Überall gibt es Bücher, die sehen aus, als hätten sie etwas hinter sich. Eselsohren, ein Fleck auf Seite vier, der Rücken weich vom vielen Aufschlagen.

Diese Bücher sind die interessantesten. Nicht weil sie besser wären. Sondern weil sie mit dem Kind mitwachsen.

Ein Vierjähriger hört dieselbe Geschichte anders als eine Siebenjährige. Mit vier ist der Drache das Grösste. Mit sieben ist es der Trick, mit dem die Prinzessin ihn überlistet. Mit zehn fällt plötzlich auf, was der gerettete Prinz am Ende sagt. Dasselbe Buch, dreimal. Und das Kind hat es nicht noch einmal gelesen, es hat ein anderes gelesen.

Ich habe mir das mal an einem Buch durchgespielt, das viele kennen: «Die Prinzessin in der Tüte» von Robert Munsch. Elizabeth will heiraten, ein Drache brennt das Schloss nieder, verbrennt ihre Kleider und entführt den Prinzen. Sie zieht eine Papiertüte an, zieht los, überlistet den Drachen und befreit Ronald. Der schaut sie an und findet, sie sehe furchtbar aus.

Fünf Dinge kann man darin lesen. Vielleicht auch nicht. Das ist der Punkt.

Erstens: die Rückmeldung, die nicht passt

Elizabeth hat alles verloren und trotzdem etwas geschafft, das kaum jemand schafft. Und das Erste, was sie hört, ist eine Bemerkung über ihr Aussehen.

Kinder kennen das. Das Kind, das sich in der Schule sieben Stunden lang zusammengenommen hat und zu Hause hört, sein Pult sei unordentlich. Das Kind, das zum ersten Mal vor der Klasse gelesen hat und hört, es sei zu leise gewesen.

Ronald sieht nicht, was sie geschafft hat. Er sieht, wie sie aussieht. Und ein Kind, das immer nur für die Oberfläche Rückmeldung bekommt, lernt irgendwann vielleicht, dass die Anstrengung dahinter niemanden interessiert. Aussen soll es passen. Was es innen kostet, sieht keiner.

Zweitens: gewinnen, ohne zu kämpfen

Elizabeth greift den Drachen nicht an. Sie fragt ihn nach seinen Kunststücken, bewundert ihn, bittet um mehr. Und der Drache erschöpft sich selbst.

Elizabeth gewinnt nicht mit mehr Kraft. Sie gewinnt, weil sie erkennt, worauf der Drache anspringt. Erst einmal eine List im Bilderbuch. Vielleicht auch ein Anlass, darüber zu sprechen, wie man weiterkommt, ohne draufzuhauen.

Drittens: sie geht los

Ihr Schloss ist abgebrannt, ihre Kleider sind weg. Sie hat eine Papiertüte. Die zieht sie an.

Sie empört sich nicht darüber, dass der Drache gekommen ist. Sie sucht keine Zuständigen. Sie nimmt, was da ist, und geht.

Das ist nichts gegen Trauer, und es ist auch kein Aufruf, Schweres zu überspringen. Elizabeth hat alles verloren, und das Buch tut nicht so, als wäre das halb so wild. Aber das Buch zeigt auch einen Moment, in dem jemand aufsteht. Wer Kindern nur beibringt, wie unfair etwas ist, lässt sie mit der Unfairness allein. Wer ihnen zeigt, dass man mit dem losgeht, was gerade da ist, gibt ihnen etwas in die Hand.

Viertens: sie geht allein weiter

Am Schluss heiratet Elizabeth nicht. Sie sagt Ronald, was sie denkt, und zieht weiter.

Ein Kinderbuch, das ohne Versöhnung endet, ist selten. Das macht es für manche Familien unbequem, und das darf es auch sein. Hier würde ich beim Vorlesen besonders aufmerksam sein, was bei deinem Kind ankommt. Kinder, bei denen zu Hause gerade etwas auseinandergeht, lesen diesen Schluss anders als andere.

Fünftens: das Buch ist von 1980

Und es wirkt immer noch ungewöhnlich. Eine Prinzessin rettet einen Prinzen, besteht auf ihrer eigenen Einschätzung und geht. Warum das nach über vierzig Jahren immer noch auffällt, ist eine gute Frage. Ich kenne Kinder, die sie von selbst stellen. Das Buch lädt zum Gespräch ein, ohne eine Antwort mitzuliefern.

Und jetzt?

Ich habe fünf Dinge aufgeschrieben. Es sind nicht die fünf. Es sind meine, an diesem Donnerstag, mit dem, was ich gerade im Kopf habe.

Dein Kind hat vermutlich andere. Vielleicht findet es die Papiertüte lustig. Vielleicht tut ihm der Drache leid, weil er am Ende so müde ist. Beides ist eine vollständige Lesart.

Das ist für mich der Sinn guter Literatur: Sie liefert nicht die eine Bedeutung mit. Sie stellt Möglichkeiten zur Verfügung. Wer liest, nimmt sich das, was gerade passt.

Ein Impuls für diese Woche

Nimm ein Buch, das ihr schon oft gelesen habt. Eines mit Eselsohren.

Und bevor du sagst, worum es geht, frag: Was siehst du hier?

Vielleicht kommt eine Antwort, die du vom letzten Mal kennst. Vielleicht kommt eine, die dich überrascht. Dann weisst du, dass dein Kind inzwischen ein anderes Buch liest als beim letzten Mal.


Robert Munsch: «Die Prinzessin in der Tüte», Illustrationen von Michael Martchenko.


Der Begleiter

Dieser Text ist zuerst in meinem Newsletter «Der Begleiter» erschienen.

Alle zwei Wochen schreibe ich einen solchen Brief. Kein Ratgeber, keine Tipp-Listen — Gedanken zu Erziehung, Bindung, ADHS, Schule und Neurodiversität, und jedes Mal ein Impuls, den du zuhause ausprobieren kannst.

→ Hier anmelden

Kostenlos, jederzeit abbestellbar.


Wenn ihr jemanden braucht, der ein Stück mitgeht

Ich begleite Familien, Eltern, Kinder und Jugendliche — in Wollerau und online.

→ Mehr über meine Arbeit
→ Aktuelle Workshops und Ferienwochen

Lesefortschritt

Kapitel des Beitrages

Julian Lehnhardt

Melde dich gerne mit deinen Themenwünschen, Anregungen, deinem Feedback oder Anliegen.

Beitrag teilen

Der Begleiter

Magazin für Systemische Wegbegleitung

Ein Vierjähriger hört dieselbe Geschichte anders als eine Siebenjährige. Mit vier ist der Drache das Grösste, mit sieben der Trick der Prinzessin. Fünf Lesarten zu einem Buch, das seit 1980 auffällt.
In meinem Regal steht ein Bilderbuch, dem ich fast zustimme. Bis zum Schluss. Über den Satz, dass in jedem Problem eine Chance steckt und warum er Kinder manchmal allein lässt.
Frankreich verbietet Handys neu auch an den Gymnasien, Zürich prüft ein kantonales Verbot. Aber ein Verbot ist noch keine Haltung. Warum die Debatte die falsche Frage stellt – und welche Regeln zuhause tatsächlich halten.